Berliner Morgenpost - 13.08.2006
Bis der Kopf leer istIn der Drehbuchschule lernt man, wie man die Furcht verliert, Müll zu schreiben und wie ein guter Plot entsteht.
"Schreiben lernt man nicht, indem man darüber redet, schreiben lernt man, indem man schreibt", sagt Wolfgang Pfeiffer - Foto: Rodari
Normalerweise wird in der Kollwitzstraße 81 an der Wirklichkeit gedreht. Doch derzeit sieht es hinter den Schaufenstern im Erdgeschoss dieses frisch restaurierten Mietshauses ganz harmlos aus. Verlassen stehen die hellen Holztische in der Sonne, die mit Kreide auf die Wandtafel gemalten Diagramme und Listen sind schon etwas verblasst, in der Drehbuchschule von Wolfgang Pfeiffer sind Sommerferien. Anfang September beginnt der nächste Kurs.
Wolfgang Pfeiffer sitzt hinter seinem Computer im Hinterzimmer und ist froh über jeden, der vorbeikommt und ihn aus dieser Stille holt. "Lassen Sie uns was trinken gehen, hier drin ist es zur Zeit sterbenslangweilig", sagt er zur Begrüßung.
Für den 53-Jährigen teilt sich die Menschheit in schreibende und nicht schreibende Menschen. Doch wer sich für das Schreiben entschieden habe, stehe vor einem weiteren Problem: dem Denken. Nur eines von beidem könne man gleichzeitig tun, entweder richtig denken oder richtig schreiben. Und so beginnt die Arbeit von Wolfgang Pfeiffer damit, den Menschen, die zu ihm kommen, das Denken abzugewöhnen. Überhaupt bestehe seine Arbeit im Wesentlichen darin, Missverständnisse beiseite zu räumen. "Die größte Schwierigkeit beim Schreiben ist, dass es einfacher ist, als es scheint. Die Leute meinen immer, sie müssen sich etwas ausdenken, wenn sie ein Drehbuch schreiben." Dabei ist das Gegenteil der Fall. Wenn das Schreiben Mühe mache, dann laufe etwas falsch. Vielleicht stimmt der Blick des Schreibers auf die Welt nicht. Wer nicht richtig sehe, starre die Wirklichkeit an, versuche ihr, etwas abzuringen und schreibe gequältes Zeug, sagt Pfeiffer. Wer richtig sehe, zerlege die Wirklichkeit in ihre Formbestandteile und setze sie neu wieder zusammen. Dies ist natürlich eine Sache, die man nicht von heute auf morgen lernt. Neun Monate dauert der Kurs in Pfeiffers Drehbuchschule. In dieser Zeit werden die 15 Kursteilnehmer richtig spielen lernen. Sie werden lernen, dass Schreiben ein organischer Prozess ist, mehr mit Garten- als mit Schreibtischarbeit zu tun hat. Der Autor sei wie ein Gärtner, der seine Geschichte großzieht, vom Samen bis zum fertigen Drehbuch, sagt Pfeiffer. Die Zutaten liefert der Alltag und all das, was einem so im Kopf herumschwirrt. Alles muss raus, heißt das Motto. Am Anfang werde geschrieben, ohne abzusetzen. Bis der Kopf leer ist.
Natürlich produziere diese Art des Schreibens eine Menge Müll, aber auch einige Perlen, sagt Pfeiffer. Der Müll wird am Ende dieses Prozesses weggeschmissen, die Perlen werden aufgefädelt. "Das produzierte Material in Form bringen", nennt Pfeiffer das. Mit Hilfe einiger Regeln und etwas Dramaturgie und Logik werde das Vorhandene zusammengesetzt, die Lücken gefüllt und fertig sei das Drehbuch. Anfänger sollten mit Krimis beginnen, sagt Pfeiffer. Geschichten, in denen es um Gewalt und Rache gehe, habe jeder im Kopf. In jedem Menschen stecke ein potenzielles Opfer. Und ein potenzieller Täter. Wie wäre es, den Nachbarn wegen seines ätzenden Musikgeschmacks langsam und gemein zu töten? Oder dem Rivalen im Büro aus Neid die Frau auszuspannen? Wie sähe die Welt aus, wenn eine Fröhlichkeitspolizei sie regierte und alle Leute mit griesgrämigen Gesichtern verhaften und solange foltern würden, bis sie glücklich sind? All solche Fragen sollen hier zu Ende gedacht und beantwortet werden. Nicht wenige von Pfeiffers Absolventen schreiben heute Drehbücher für den "Tatort" oder andere Krimi-Serien. Andere schreiben Kurz- oder Kinofilme. Schauspieler, die mehr von der Dramaturgie des Films verstehen wollen, buchen Pfeiffers Drehbuchkurse, ebenso Regisseure und Produzenten. Außerdem Journalisten, Lehrer, Psychologen oder Rechtsanwälte mit Selbstverwirklichungsdrang. "Leute mit Lebensgier" nennt Pfeiffer sie, die meisten sind Mitte 30 und weiblich. 2900 Euro plus Mehrwertsteuer kostet der Kurs. Es gibt Drehbuchschulen, die billiger sind. Staatliche zum Beispiel, wo die Bewerber drei Vorauswahlrunden zu bestehen haben und dann von verschiedenen Produzenten, Regisseuren und Drehbuchautoren unterrichtet werden.
Pfeiffer ist alles in einer Person. Über 60 Filme hat er seit 1978 produziert. Mitte der 90er war er für die Unesco in Simbabwe, um dort eine Filmschule aufzubauen. Dort entwickelte er ein Rezept, den Leuten Drehbuschschreiben beizubringen. Keine Theorie, lautet sein Konzept. "Schreiben lernt man nicht, indem man darüber redet, schreiben lernt man, indem man schreibt." Die Plätze in seiner Schule, die neben dem neunmonatigen Intensivkurs, auch Workshops- und Wochenend-Seminare anbietet, werden nach Eingangsdatum der Anmeldung vergeben. Wer sich rechtzeitig anmeldet, ist dabei. Erfolg als Drehbuchschreiber habe, wer mit dem nötigen Ehrgeiz dabei sei. Das geht auch neben dem Beruf. Eine gute Idee sei alles, was man braucht. Und jeden Tag eine Stunde Zeit zum Schreiben. Und selbst wenn man am Ende Krankenschwester, Jurist oder Beamter bleibt: Wer schreibt, setzt sich mit sich und der Welt auseinander, dreht solange an der Wirklichkeit, bis er eine passende gefunden hat. Und ob mit Drehbuch oder ohne, so lebt sich's irgendwie schöner, sagt Pfeiffer.
Von Annekatrin Looß