Pressespiegel
CA:ST - Das Schauspieler-Magazin Nr. 1/06 - 15.01.2006
Schreiben und Drehen
Die ca:st-Serie über "das zweite Standbein" widmet sich dieses Mal dem Schreiben: Viele Schauspieler wagen sich nebenbei ins Drehbuchfach.
Ein abendfüllender Spielfilm ist zwar in eineinhalb bis zwei Stunden angeschaut, das Schreiben dauert aber ein wenig länger. Vor Cornelia Schindler liegt ein Stapel aus 90 DIN-A4-Seiten: "Das ist aber noch die Rohfassung", bekennt die Fernseh- und Theaterschauspielerin ("Hinter Gittern") nervös. Sie absolviert derzeit eine berufsbegleitende Drehbuch-Ausbildung. In ihrem ersten Versuch geht es um ein Mädchen, das von einer Schauspiel-Karriere träumt und dabei auf einen Mann trifft, der seine Bühnen-Karriere schon begraben hat. "In diesem Metier kenne ich mich eben am besten aus", erklärt die frischgebackene Autorin und bekommt reichlich Lob für die gut entwickelte Geschichte, die eingestreuten Gags und originellen Dialoge. "Nur das Ende ist noch zu unentschlossen", mahnt der Dozent.
So wie Cornelia Schindler wagen sich auch andere Filmschauspieler ins Drehbuchfach. Franka Potente schrieb und inszenierte zumindest einen Kurzfilm, der bereits auf der Berlinale (Perspektive Deutsches Kino) läuft ("Der die Tollkirsche ausgräbt"). Heike Makatsch hat zusammen mit der Autorin Johanna Adorjan gleich einen kompletten Spielfilm geschrieben ("Schwesterherz", Regie: Ed Herzog), in dem sie selbst gerade die Hauptrolle abgedreht hat. Doch auch sie musste erfahren, wie stressig der Weg einer guten Geschichte vom Schreibtisch zum Set sein kann: "Das Buch haben wir vor zwei Jahren geschrieben. Das ist immer ein langer Weg." Auch Daniel Brühl bastelt an Drehbüchern, ebenso abian Busch, der nach dem Kinder kriegen nun sein Buch weiterschreiben will ("Ist aber erst noch in der Finanzierung."). André Hennicke hat sogar einen Filmverleih gegründet, um eigene Stoffe zu vermarkten, zum Beispiel "eine schwarze Komödie. Ich habe in letzter Zeit so viele extrem negative Figuren gespielt, dass ich die Sehnsucht verspüre, mal etwas ganz Skurriles, Bizarres und Albernes zu machen."
Die Motivationen sind ganz unterschiedlich. Etablierte und berühmte Schauspieler müssen sich natürlich kein zweites Standbein schaffen, um ihre Miete zu zahlen, um so mehr beweist es aber, welcher Reiz vom Schreiben, vom Kreieren eigener Geschichten ausgeht. Außerdem stellt das Lesen von schlechten Drehbüchern, die einem angeboten werden, auch eine Motivation dar. Die Berlinerin Cornelia Schindler jedenfalls möchte sich weiterentwickeln. Die Idee entstand quasi nebenbei: "Als Schauspieler schreibt man in Absprache mit der Regie häufig seine Texte um - also ein wenig misch man sich als Schauspieler ja ohnehin ins Schreiben ein."
Daraus sei schließlich so eine "Lust zu experimentieren" entstanden. Aus ihrem Respekt heraus vor dem Beruf des Autors heraus hat sie sich allerdings entschieden, das Schreiben "etwas fundierter anzugehen". Sie buchte bei der "Drehbuchschule Wolfgang Pfeiffer" in Berlin einen 9-Monats-Kurs, der "praktisches Schreiben" mit "Coaching" verband. Zusammen mit einem Dutzend anderer Schreibwilliger wurde sie vom Dozenten bei der Themen- und Plotentwicklung und dem Erstellen einer ersten richtigen Drehbuchfassung begleitet. "Wir haben dabei das Wesen des Erzählens begriffen", erzählt die Schauspielerin. Neben dem Aufbau von Szenen, dem klassischen Drei-Akte-Modell und dem Betonen von Wendepunkten ging es auch um die Vermittlung einfacher, aber hochwirksamer Techniken: "Wir haben als erstes gelernt, jeden Tag zu schreiben. 20 Minuten reichen schon, um im Fluss zu bleiben - und die hat man irgendwie immer." Denn nur so könne man eine Grundidee, aus der später ein Film entsteht, entspannt weiterentwickeln. Viele Anfänger stolpern hier nämlich schon und machen sich selbst zuviel Stress, wollen an einem Wochenende die geniale Idee oder in einer Urlaubswoche den alles übertreffenden Krimiplot entdecken.
Beim Einfach-so-drauflos-Schreiben hat sich schon so mancher verrannt, weiß der Dozent Wolfgang Pfeiffer: "Anfängern steht oft ihre eigene Ungeduld und ein übertriebener Perfektionismus im Weg. Niemand sollte von sich erwarten, aus dem Stand heraus, etwas Oscar-reifes zu produzieren." Ob Schauspieler nun mehr oder weniger prädestiniert sind, Filme zu schreiben? "Sie verfügen zumindest über gute Voraussetzungen", meint Cornelia Schindler. " Man hat ein breites Spektrum und entwickelt ein natürliches Gespür für Dramaturgie, Pointen und richtiges Timing und ob eine Szene zu lang oder zu kurz ist." Inzwischen hat sie ihre erste Drehbuchfassung umgeschrieben: "Mein Drehbuch hat immer noch mit Kunst zu tun, aber nicht mehr mit Schauspielerei. Es geht aber immer noch darum, sein Glück zu finden und dass man das tun muss, wozu man geboren ist."
Von Klaus Rathje